Alpenpässe vor der Wintersperre: Wann die Vorbereitung beginnt – und warum manche Pässe plötzlich früh schliessen
Im September sind viele Schweizer Alpenpässe noch problemlos befahrbar. Doch mit kürzeren Tagen, tieferen Temperaturen und den ersten möglichen Wintereinbrüchen beginnt für die Strassendienste die Phase, in der sich entscheidet, wie lange ein Übergang noch offen bleiben kann.
Es gibt keinen schweizweit festen Schliessungstag
Die wichtigste Regel lautet: Eine Wintersperre richtet sich nicht nach einem einzigen Kalenderdatum. Je nach Kanton, Höhe, Exposition und Pass gelten unterschiedliche Vorgaben. Einige Übergänge haben eine klar definierte saisonale Wintersperre, bei anderen entscheidet die zuständige Strassenbehörde aufgrund der aktuellen Verhältnisse.
Für den Kanton Bern ist beispielsweise festgelegt, dass Grimsel- und Sustenpassstrasse im Winter gesperrt sind; den konkreten Zeitpunkt der Schliessung und Wiederöffnung bestimmt das Tiefbauamt. In Graubünden nennt die Strassenverordnung unter anderem San Bernardino, Splügen, Oberalp, Albula, Flüela, Lukmanier, Umbrail und Forcola di Livigno als Pässe, die der Kanton im Winter nicht offen hält. Dort steht ausdrücklich, dass diese Strassen im Herbst nur so lange offen bleiben, wie es Witterung und Verkehrssicherheit zulassen und die Räumung mit vertretbarem Aufwand möglich ist.
Wann beginnen die Vorbereitungen?
Eine einzelne offizielle Startwoche gibt es dafür nicht. Die Vorbereitung ist vielmehr ein gleitender Prozess. Mit dem Herbst rückt die Überwachung von Temperatur, Niederschlag, Schneefallgrenze, Vereisung und Lawinensituation immer stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig müssen Strassendienste entscheiden, ob weitere Räumung, Salz- und Winterdiensteinsätze sowie temporäre Sperrungen noch sinnvoll sind oder ob die definitive Wintersperre wirtschaftlich und sicherheitstechnisch angezeigt ist.
Dass diese Phase mehrere Wochen dauern kann, zeigen die Urner Pässe sehr deutlich. Im Jahr 2025 gingen Susten und Furka bereits am 27. Oktober in die Wintersperre, der Klausen folgte Ende Oktober, der Gotthard am 7. November und der Oberalp erst am 19. November. Im Jahr 2024 lagen Susten, Furka und Klausen dagegen noch bis zum 10. beziehungsweise 11. November offen. Der Zeitpunkt kann sich also von Jahr zu Jahr deutlich verschieben.
Was entscheidet darüber, wie lange ein Pass offen bleibt?
Mehrere Faktoren greifen ineinander. Erstens zählt die reine Befahrbarkeit: Liegt Schnee auf der Fahrbahn, bildet sich Eis oder muss ständig nachgeräumt werden, steigt der Aufwand schnell. Zweitens muss die Strasse auch nach der Räumung sicher sein. Steinschlag, Schneeverwehungen und vor allem Lawinen können einen Pass unbefahrbar machen, obwohl der Asphalt selbst geräumt wäre.
Drittens spielt die Wetterentwicklung eine entscheidende Rolle. Ein kurzer Schneefall muss nicht automatisch die Wintersperre bedeuten. Häufig wird ein Pass zunächst vorübergehend geschlossen und später nochmals beurteilt. Bleibt es danach kalt, kommt weiterer Schnee oder steigt die Lawinengefahr, kann aus der temporären Sperre die definitive Wintersperre werden.
Warum manche Pässe schon früh schliessen
Frühe Sperren sind deshalb keineswegs ungewöhnlich. Am Susten- und Furkapass verhängte der Kanton Uri 2025 nach Niederschlägen bereits am 27. Oktober die Wintersperre. Gleichzeitig waren Oberalp und Klausen wegen Schneefalls vorübergehend geschlossen. Der Gotthard blieb damals ebenfalls witterungsbedingt gesperrt, bevor Anfang November die definitive Wintersperre folgte.
Auch am Grossen St. Bernhard zeigt sich, wie stark der Wintereinbruch den Termin bestimmt. Der Pass bleibt normalerweise bis etwa Mitte Oktober offen, sofern die Schneeverhältnisse dies zulassen. 2017 wurde er erst Anfang November endgültig geschlossen, nachdem erste Schneefälle, ein deutlicher Temperaturrückgang und tägliche Vereisungseinsätze die Situation zunehmend verschärft hatten. Hinzu kommt dort, dass die Passstrasse durch Lawinengebiete führt.
Lawinengefahr ist ein Schlüsselpunkt
Wie wichtig die Lawinensituation ist, zeigt auch der Albulapass. Die Bündner Regierung bezeichnete 2025 neben Witterung und Räumungsaufwand ausdrücklich die Lawinensituation als entscheidendes Kriterium für die Freigabe im Frühjahr. Besonders aktive Lawinenzüge können einen Pass trotz geräumter Fahrbahn geschlossen halten.
Am Grimselpass beginnt die Schneeräumung im Frühjahr teilweise schon früh am Morgen und wird gegen Mittag unterbrochen, weil danach die Lawinengefahr ansteigen kann. Das zeigt, dass nicht nur die Schneemenge zählt, sondern auch der Tagesgang und die Stabilität der Schneedecke.
Warum Offenhalten irgendwann keinen Sinn mehr ergibt
Ein Pass lässt sich technisch oft noch einige Tage länger offen halten. Entscheidend ist aber, ob dies mit vertretbarem Aufwand und ohne Sicherheitsabstriche möglich ist. Genau deshalb nennt Graubünden den Räumungsaufwand ausdrücklich als Kriterium. Wird nach fast jedem Schneefall erneut geräumt, vereist die Fahrbahn nachts wieder und drohen gleichzeitig Lawinen oder Verwehungen, ist eine definitive Sperre oft die vernünftigere Lösung.
Im Herbst kann sich der Zustand täglich ändern
Für Autofahrer ist deshalb gerade im Oktober und November wichtig: Ein gestern noch offener Pass kann nach einem einzigen Wintereinbruch heute geschlossen sein. Umgekehrt kann eine kurzfristige Sperre nach Wetterbesserung nochmals aufgehoben werden. Die zuständigen Kantone und das Bundesamt für Strassen empfehlen deshalb, den aktuellen Strassenzustand unmittelbar vor jeder Passfahrt zu prüfen.
Die eigentliche Wintersperre beginnt also nicht an einem schweizweit fixen Datum. Sie beginnt dort, wo Wetter, Sicherheit, Lawinenlage und Räumungsaufwand zusammen den Punkt erreichen, an dem ein verlässlicher und sicherer Passbetrieb nicht mehr sinnvoll gewährleistet werden kann.