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Wo die Alpen im Schnee versinken: Nordstau gegen Südstau – die grossen Hotspots von Chamonix bis Salzburg

Wenn feuchte Luft gegen die Alpen gedrückt wird, kann sich der Schneefall auf erstaunlich engem Raum vervielfachen. Doch «Nordstau» und «Südstau» sind keine zwei einfachen Schablonen. Entscheidend sind Windrichtung, Feuchtenachschub, Temperatur, Höhe der Schneefallgrenze und vor allem der Winkel, in dem die Strömung auf die Gebirgsketten trifft. Genau deshalb kann Chamonix bei einer Nordwestlage im Schnee versinken, während Cervinia vergleichsweise wenig bekommt – und wenige Tage später bei Südoststau kann sich das Bild beinahe umkehren.

Die wichtigste Regel: Nicht «Nord» oder «Süd» allein entscheidet

MeteoSchweiz zeigt für die Schweiz sehr klar, wie stark die Niederschlagsverteilung von der exakten Strömungsrichtung abhängt. Bei Nordwestströmung trifft feuchte Luft nahezu senkrecht auf den Alpennordhang. Dann kann der gesamte Nordrand von den Waadtländer und Berner Alpen über die Zentralschweiz bis Toggenburg kräftige Niederschläge erhalten. Bei reinem Nordwind ist die Luft meist kälter, aber trockener; der stärkste Staueffekt verlagert sich dann stärker auf die zentralen und östlichen Nordalpen – vom Jungfraumassiv über die Glarner Alpen bis Toggenburg.

Beim Südstau ist es ähnlich: Südwest, Süd und Südost setzen andere Schwerpunkte. Reiner Südwind bringt laut MeteoSchweiz besonders grosse Mengen ins Tessin und Misox und kann bis ins Oberwallis übergreifen. Bei Südostströmung werden dagegen Simplongebiet und Saastal besonders exponiert. Die «schneereichste Region» ist deshalb immer an die konkrete Strömung gekoppelt.

Nordweststau: die grosse Schneestrasse von Chamonix bis Salzburg

Für grossflächigen Schneenachschub auf der Alpennordseite ist Nordwest oft die ergiebigste Lage. Die Luft hat über Atlantik, Nordsee oder Ärmelkanal genügend Feuchtigkeit aufgenommen und trifft frontal auf die Alpen. Bei ausreichend tiefer Schneefallgrenze entstehen dann die klassischen Starkschneefallkorridore.

Mont-Blanc-Gebiet, Chamonix und Haute-Savoie

Der westliche Alpenbogen rund um den Mont Blanc gehört bei West- bis Nordwestlagen zu den ersten grossen Barrieren. Besonders die französischen Nordalpen und der nördliche bis nordwestliche Mont-Blanc-Sektor können enorme Mengen aufnehmen. Météo-France dokumentierte im März 2021 in den französischen Nordalpen innerhalb von vier Tagen verbreitet annähernd einen Meter Neuschnee; Les Contamines-Montjoie erreichte auf 1780 Metern 142 Zentimeter. Auch die Aiguilles Rouges oberhalb von Chamonix lagen mitten im Starkschneefallgebiet.

Chamonix ist deshalb ein klarer Nordwest- und Weststau-Hotspot. Bei exakt südlicher Strömung liegt das Tal dagegen teilweise im Lee des Mont-Blanc-Massivs, während die italienische Seite und andere Südalpenregionen stärker profitieren können.

Waadtländer und Berner Alpen: vom Col des Mosses bis Jungfrau und Haslital

Weiter östlich gehören die Waadtländer Alpen und das Berner Oberland zu den klassischen Empfängern feuchter Nordwestluft. Besonders exponiert sind die Voralpen und die grossen Nordflanken von Wildstrubel, Jungfrau, Wetterhorn und den Haslitälern. MeteoSchweiz nennt bei Nordwestströmung ausdrücklich die gesamte Alpennordseite von den Waadtländer Alpen über die Berner und Zentralschweizer Alpen bis Toggenburg als Hauptniederschlagszone.

Dass das Haslital aussergewöhnlich viel Schnee aufnehmen kann, zeigte ein Starkschneefallereignis im April 2019: An Stationen in Guttannen und Gadmen wurden die höchsten je gemessenen Zweitages-Neuschneesummen der jeweiligen Messreihen registriert.

Engelberg, Uri, Urnerboden und die Glarner Alpen

Die Zentralschweiz ist besonders interessant, weil kleinste Änderungen der Windrichtung den Schwerpunkt verschieben. Engelberg, das Schächental, das Meiental und die nördlichen Urner Alpen reagieren stark auf Nordwest- bis Nordströmungen. Urnerboden liegt hoch und unmittelbar nördlich des Klausenpasses zwischen Uri und Glarus. Das breite Hochtal kann bei anhaltendem Nord- oder Nordweststau grosse Schneemengen aufnehmen, vor allem wenn die Strömung in die Glarner und Urner Alpen gedrückt wird.

Die Glarner Alpen sind bei echtem Nordstau besonders exponiert. MeteoSchweiz nennt den Korridor vom Jungfraumassiv über die Glarner Alpen bis Toggenburg als Hauptzone bei Nordströmung. Für Orte wie Braunwald, Elm, Tierfehd, Urnerboden und die Hochlagen um den Tödi ist deshalb die genaue Windrichtung entscheidender als die pauschale Bezeichnung «Nordstau».

Toggenburg, Alpstein und Ostschweiz

Bei Nordlagen rückt die Ostschweiz oft noch stärker in den Fokus. Toggenburg, Alpstein und die nördlichen Glarner Alpen liegen quer zur Anströmung. Ist die Luft kalt genug, kann sich der Schnee dort bis weit in die Täler ausbreiten. Bei westlicherer Strömung verlagert sich der Schwerpunkt dagegen etwas Richtung Zentralschweiz und Berner Oberland.

Vorarlberg und Arlberg

Östlich des Rheintals folgt einer der berühmtesten Schneekorridore der Alpen: Bregenzerwald, Lech-Zürs und Arlberg. Feuchte West- und Nordwestströmungen werden an den ersten hohen Gebirgsketten Vorarlbergs und am Arlberg stark gehoben. Deshalb gehören diese Regionen klimatologisch zu den verlässlichsten Naturschneegebieten der Ostalpen.

Nordtirol: vom Außerfern über Seefeld bis ins Tiroler Unterland

Nordtirol reagiert stark auf anhaltende Nord- und Nordwestströmungen. Außerfern, Karwendel, Seefeld, Kitzbüheler Alpen und das Tiroler Unterland können bei solchen Lagen enorme Summen sammeln. Der Jänner 2019 war das Paradebeispiel: Laut damaliger ZAMG-Auswertung wurden in Hochfilzen innerhalb von 15 Tagen 451 Zentimeter Neuschnee gemessen, in Seefeld 283 Zentimeter und in Kufstein 168 Zentimeter.

Lofer, Hochfilzen und Salzburger Land: das östliche Nordstau-Kraftzentrum

Der Raum Hochfilzen–Lofer–Saalachtal bis zu den Salzburger Kalkalpen gehört zu den stärksten Nordstauzonen der Ostalpen. 2019 wurden in Lofer 263 Zentimeter Neuschnee in 15 Tagen registriert, in Abtenau 240 Zentimeter. Auch das Salzkammergut und die nördliche Steiermark können bei länger anhaltender Nordströmung enorme Mengen erhalten.

Der Grund ist geometrisch: Die Nördlichen Kalkalpen stehen wie eine Mauer quer zur feuchten Nordströmung. Bleibt die Lage mehrere Tage blockiert, wird immer wieder neue feuchte Luft angeführt – genau das erzeugte im Jänner 2019 die aussergewöhnlichen Rekordsummen.

Wo ist Nordstau am stärksten?

Eine seriöse, alpenweit absolute Rangliste gibt es nicht, weil Messstationen auf unterschiedlichen Höhen stehen und Schneehöhe nicht dasselbe wie Neuschneesumme oder Wasserwert ist. Als besonders exponierte Korridore lassen sich aber klar benennen: Mont-Blanc/Haute-Savoie bei West bis Nordwest, Berner Oberland und Haslital, Zentralschweiz mit Uri und Engelberg, Glarner Alpen und Toggenburg, Bregenzerwald und Arlberg sowie Nordtirol und das Salzburger Land rund um Hochfilzen, Lofer und Abtenau.

Südstau: wenn das Mittelmeer die Alpen mit Feuchtigkeit füttert

Beim Südstau strömt milde und sehr feuchte Luft vom Mittelmeer gegen die Alpen. Die Luft wird gehoben, kühlt ab und produziert auf den exponierten Südflanken lang anhaltenden Niederschlag. Im Winter entscheidet die Schneefallgrenze, ob daraus meterweise Schnee oder vor allem Regen wird.

Mont Blanc Südseite, Courmayeur und westliches Aostatal

Bei südwestlicher Anströmung kann die italienische Seite des Mont-Blanc-Massivs deutlich mehr Niederschlag erhalten als Chamonix. Courmayeur und die westlichen Seitentäler profitieren von feuchter Luft aus dem westlichen Mittelmeer. Die genaue Verteilung ist allerdings stark von der Strömungsrichtung abhängig: Das zentrale Aostatal liegt teilweise im inneralpinen Niederschlagsschatten.

Cervinia: schneereich, aber nicht automatisch Südstau-Sieger

Breuil-Cervinia liegt sehr hoch und kann dadurch auch bei relativ milder Südlage viel Schnee erhalten. Trotzdem ist Cervinia nicht bei jeder Südstauvariante der absolute Hotspot. Das Valtournenche ist topografisch anders ausgerichtet als die östlicheren Monte-Rosa-Täler. Bei Südost bis Ost-Südost können die Gebiete um Monte Rosa, Gressoney, Alagna, Saas und Simplon günstiger zur Feuchtezufuhr stehen.

Die Valle d'Aosta betreibt deshalb ein dichtes Schneemessnetz mit getrennten Regionen für Mont Blanc, Gran Paradiso, Gran San Bernardo und Monte Rosa – die Unterschiede innerhalb des kleinen Tals sind erheblich.

Oberwallis: Simplon und Saastal sind die Schlüsselregionen

Für die Schweiz ist das Oberwallis bei Südstau besonders wichtig. MeteoSchweiz nennt bei Südströmung das Oberwallis als eine der stark betroffenen Regionen. Bei Südostströmung werden Simplongebiet und Saastal sogar ausdrücklich als Hauptschwerpunkte genannt.

Das erklärt, warum Saas-Fee, Simplon, Mattmark und die Monte-Rosa-Region bei bestimmten Südostlagen enorme Mengen erhalten können, während das zentrale Walliser Rhonetal deutlich trockener bleibt. Das Rhonetal ist ein klassischer inneralpiner Trockenkorridor; die hohen Grenzkämme fangen den Niederschlag ab.

Tessin, Bedretto und Misox: der Schweizer Südstau-Klassiker

Bei einer echten Südströmung liegen die grössten Niederschlagsmengen laut MeteoSchweiz häufig im Tessin und Misox. Für Schnee sind vor allem die höher gelegenen Täler entscheidend. Bedretto, oberes Leventina, Lukmanierregion und Hochlagen des Misox können bei tiefer Schneefallgrenze sehr grosse Neuschneesummen erhalten.

Bei Südostströmung verlagert sich ein Teil des Maximums Richtung Simplon und Saastal, während im Tessin besonders Maggiatal und der äusserste Süden stark betroffen sein können.

Bergell, Bernina und Oberengadin

Weiter östlich fangen Bergell und Bernina feuchte südliche bis südwestliche Luft ab. Das Oberengadin selbst liegt teilweise geschützter, doch die südlichen Grenzkämme können sehr hohe Niederschlagsmengen erhalten. Je nach Windrichtung reicht der Niederschlag über den Alpenhauptkamm bis ins Engadin hinein.

Südtirol: Ulten, Passeier, Brenner und Dolomiten

In Südtirol sind die klassischen Südstaulagen amtlich klar beschrieben. Der Landeswetterdienst nennt den Streifen vom Ultental über Passeier bis zur Brennergegend; auch Unterland und Dolomiten können bei Südlagen sehr ergiebigen Niederschlag erhalten. Dagegen liegen Vinschgau und Teile des Pustertals bei manchen Südlagen im Niederschlagsschatten.

Beim extremen Südstau im Dezember 2020 lagen die lawinenaktivsten Zonen in Ulten, Passeier, am Brenner sowie in den Dolomiten entlang der Grenze zu Trentino und Belluno. Der Südtiroler Bevölkerungsschutz meldete damals besonders grosse Schneemengen genau in diesen Gebieten.

Dolomiten, Trentino und östliche Südalpen

Die Dolomiten können bei Süd- bis Südostströmung sehr grosse Mengen aufnehmen, besonders wenn die Schneefallgrenze niedrig bleibt. Noch weiter östlich gehören die Karnischen und Julischen Alpen zu den niederschlagsreichsten Bereichen des gesamten Alpenraums – wobei dort bei milderen Südlagen ein erheblicher Teil als Regen fallen kann.

Und was passiert im Salzburger Land bei Südstau?

Ein klassischer Südstau trifft zunächst die südlichen Seiten des Alpenhauptkamms. In Salzburg profitieren daher vor allem die Hohen Tauern und bei Übergreifen auch Lungau und südliche Tauerntäler. Die nördlichen Salzburger Kalkalpen rund um Lofer und Abtenau liegen bei einer reinen Südlage dagegen oft im Föhn- oder Regenschatten. Genau dieselben Regionen, die bei Nordstau im Schnee versinken, können bei Südstau erstaunlich trocken bleiben.

Nordstau gegen Südstau: die wichtigsten Hotspots im direkten Vergleich

Chamonix: besonders stark bei West bis Nordwest; bei Südstau nicht automatisch im Maximum.

Cervinia: hohe Lage und damit schneesicher, aber bei Südoststau sind Simplon, Saas und Monte-Rosa-Sektoren oft direkter exponiert.

Wallis: das zentrale Rhonetal bleibt oft trocken; Oberwallis, Simplon und Saastal können bei Süd bis Südost massiv profitieren.

Berner Alpen: klassische Nordwest- und Nordstauzone, besonders Jungfrau, Hasli und die nördlichen Flanken.

Urnerboden und Uri: stark bei Nordwest bis Nord, mit grossen lokalen Verstärkungen durch die Glarner und Urner Alpen.

Glarner Alpen: eine der klarsten Schweizer Nordstauzonen, besonders bei reiner Nordströmung.

Arlberg und Vorarlberg: sehr stark bei West bis Nordwest.

Nordtirol: Hochfilzen, Seefeld, Kitzbüheler Alpen und Tiroler Unterland können bei anhaltendem Nordstau enorme Summen sammeln.

Salzburger Land: Lofer, Abtenau und die nördlichen Kalkalpen sind Nordstau-Hotspots; bei Südstau verlagert sich der Schwerpunkt zu den Hohen Tauern und in den Lungau.

Südtirol: Ulten, Passeier, Brenner und Dolomiten sind klassische Südstauregionen.

Warum ein «Schneeloch» nicht immer dort liegt, wo es am meisten Niederschlag gibt

Für Neuschnee ist nicht nur die Niederschlagsmenge entscheidend. Ein tiefer gelegener Ort kann bei 100 Millimetern Niederschlag Regen bekommen, während ein höheres Tal aus derselben Wetterlage einen Meter oder mehr Schnee erhält. Wind kann den Schnee zudem massiv verfrachteten. Deshalb müssen für einen echten Vergleich immer Höhe, Temperatur und Wasserwert berücksichtigt werden.

Genau das ist der Kern der Alpenmeteorologie: Nicht der Ortsname entscheidet, sondern die Kombination aus Strömung, Gebirge und Schneefallgrenze. Bei Nordweststau verläuft die grosse Schneeachse häufig von Haute-Savoie über Berner Oberland, Zentralschweiz, Glarus, Arlberg und Nordtirol bis ins Salzburger Land. Bei Südstau springen die Hotspots auf die andere Seite des Alpenkamms – vom Monte-Rosa-/Simplon-Raum über Tessin und Misox bis zu Bernina, Südtirol und Dolomiten.