Aktuelles 10.08.2026 SchneeToni

Sommer, Schnee, Wintereinbruch: Wie tief Schnee selbst im Hochsommer fallen kann

Schnee im Sommer: Wenn selbst im Hochsommer der Winter zurückkehrt – mit Alpha Weather live verfolgen

Schnee im August auf Alpenpässen, 30 Zentimeter Neuschnee kurz vor der Sommersonnenwende in Kanada und ein historischer Schneefall im Juni bis auf rund 500 Meter am Vierwaldstättersee: Sommer bedeutet nicht automatisch schneefrei. Im Hochgebirge gehören kurze Wintereinbrüche zur Wetterrealität. Wirklich aussergewöhnlich wird es dort, wo die Schneefallgrenze weit hinunterfällt. Ein Blick auf einige der eindrücklichsten Fälle weltweit – und auf die Meteorologie dahinter.

Am Morgen liegt Schnee auf der Passstrasse, die Vegetation ist weiss überzogen, Nebel hängt zwischen den Bergen. Einige Tage später herrscht wieder Hochsommer. Was widersprüchlich klingt, ist in grossen Höhen durchaus möglich. Die Atmosphäre kennt keinen Kalender. Entscheidend ist nicht, ob gerade Juni, Juli oder August ist, sondern welche Luftmasse über einer Region liegt und wie kalt die Luft in verschiedenen Höhen tatsächlich ist.

In den Alpen kann deshalb selbst mitten im Sommer vorübergehend Schnee fallen. Die spannendere Frage lautet nicht, ob das möglich ist. Entscheidend ist vielmehr: Wie weit hinunter schafft es der Schnee?

7. August 2023: Mitten im Sommer wird der Flüelapass weiss

Ein eindrückliches Beispiel liefert der Flüelapass in Graubünden. Am 7. August 2023 präsentierte sich die Passhöhe zeitweise beinahe winterlich. Schnee bedeckte die Landschaft und die Vegetation, dazu kamen Nebel und tiefe Wolken. Das Titelbild dieses Artikels habe ich an genau diesem Tag auf dem Flüelapass aufgenommen.

Mitten im August lag auf der Passhöhe plötzlich wieder Schnee. Gerade solche Wetterstürze zeigen, wie schnell sich die Verhältnisse im Hochgebirge verändern können. Im Tal kann noch Sommer herrschen, während auf einem Alpenpass wenige hundert oder tausend Höhenmeter weiter oben bereits winterliche Bedingungen auftreten.

Wenige Tage später kann davon kaum noch etwas zu sehen sein. Genau dieser schnelle Wechsel gehört zum Alpenwetter: Ein hoher Pass wird für kurze Zeit weiss und präsentiert sich kurz darauf wieder vollständig sommerlich.

Auf hohen Alpenpässen ist Sommerschnee kein Fremdkörper

Wer regelmässig in den Bergen unterwegs ist, kennt solche Situationen. Auch am Gotthardpass, am Julierpass, am Klausenpass, am Stilfserjoch – italienisch Passo dello Stelvio –, am Timmelsjoch oder am Umbrailpass kann ein kräftiger Kaltlufteinbruch selbst während der Sommermonate Schnee bringen.

Das ist spektakulär anzusehen, meteorologisch aber erklärbar. Viele dieser Übergänge liegen deutlich über 2000 Meter. Das Stilfserjoch erreicht rund 2750 Meter. In solchen Höhen braucht es keinen historischen Jahrhundert-Kälteeinbruch, damit Niederschlag im Sommer für einige Stunden als Schnee fällt.

Für den Verkehr kann das trotzdem ernst werden. Eine trockene Passstrasse kann innerhalb weniger Stunden nass, matschig oder schneebedeckt sein. Dazu kommen schlechte Sicht, Nebel und Temperaturen nahe am Gefrierpunkt. Für Motorradfahrer, Wanderer und Bergsteiger kann ein scheinbar kleiner Temperaturunterschied deshalb entscheidend sein.

Aus klimatologischer Sicht beginnt die wirklich aussergewöhnliche Geschichte jedoch weiter unten. Schnee auf 2500 Metern im Juli oder August ist etwas völlig anderes als Schnee auf 1000, 800 oder sogar 500 Metern.

6. Juni 1816: Schnee bis auf rund 500 Meter

Einer der bemerkenswertesten dokumentierten Fälle stammt aus der Schweiz. Am 6. Juni 1816 wurde in Weggis am Vierwaldstättersee auf ungefähr 500 Metern über Meer Schnee beobachtet.

Eine wissenschaftliche Rekonstruktion der Universität Bern zeigt, wie aussergewöhnlich die Wetterlage damals war. Zwischen dem 6. und 10. Juni gab es während vier Tagen Schneebeobachtungen unterhalb von 1500 Metern. Aus Bern ist am 8. Juni Schneefall überliefert, in St. Gallen wurden am 6. Juni Schnee und Regen beobachtet, und auch aus Delémont gibt es für diesen Tag einen Schneefallbericht.

1816 ging später als das «Jahr ohne Sommer» in die Klimageschichte ein. Ein wichtiger Hintergrund war der gewaltige Ausbruch des Vulkans Tambora im heutigen Indonesien im April 1815. Grosse Mengen vulkanischer Aerosole gelangten in die Stratosphäre und trugen zur globalen Abkühlung bei.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder einzelne kalte Tag Europas direkt vom Vulkan «verursacht» wurde. Für den konkreten Kälteeinbruch Anfang Juni 1816 war auch die damalige grossräumige Wetterlage entscheidend: Sehr kalte Luft wurde nach Mitteleuropa und an die Alpennordseite geführt.

Die Folgen des kalten und nassen Sommers waren damals gravierend. Ernten litten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln verschlechterte sich und in verschiedenen Teilen Europas entstanden erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme.

Die Schneeflocken am Vierwaldstättersee sind deshalb mehr als eine kuriose Wetteranekdote. Sie stehen für einen Sommer, der meteorologisch weit ausserhalb dessen lag, was selbst damals üblich war.

Schottland 1975: 16 Zentimeter Schnee Anfang Juni

Für einen aussergewöhnlichen Sommerschneefall braucht es keinen Vulkanausbruch. Das bewies Grossbritannien am 2. Juni 1975.

Bei Glenmore Lodge in den schottischen Highlands wurde eine Schneehöhe von 16 Zentimetern gemessen. Das britische Met Office führt diesen Wert als besonders markantes Juni-Ereignis seiner Aufzeichnungen.

Schnee fiel damals nicht nur irgendwo auf einem entlegenen Gipfel. Schneeschauer waren so markant, dass in England mehrere Cricketspiele abgebrochen werden mussten.

Auch hier kamen mehrere Faktoren zusammen: eine für die Jahreszeit sehr kalte Luftmasse, genügend Feuchtigkeit und eine Wetterlage, die tatsächlich Niederschlag produzierte. Kälte allein macht noch keinen Schneesturm.

Kanada 2024: 30 Zentimeter Schnee wenige Tage vor dem längsten Tag

Wie schnell der Sommer zum Winter werden kann, zeigte Kanada im Juni 2024 besonders eindrücklich.

Zwischen dem 15. und 20. Juni wurden in Alberta 46 tägliche Kälterekorde registriert. Am Morgen des 18. Juni 2024 flogen zwischen Crowsnest und Banff Schneeflocken. Westlich von Calgary blieb der Schnee liegen.

Besonders kräftig traf es die Ranchlands westlich von Nanton. Dort fielen nach Angaben von Environment and Climate Change Canada rund 30 Zentimeter Schnee. Die Last war so gross, dass sich bereits vollständig belaubte Äste nach unten bogen.

Das geschah drei Tage vor der Sommersonnenwende.

Fast gleichzeitig erlebte der Osten Kanadas Hitze. Genau darin liegt ein weiterer spannender Aspekt solcher Wetterlagen. Der Jetstream kann grosse Wellen bilden: Während warme Luft weit nach Norden gelangt, kann auf der Rückseite einer solchen Welle ungewöhnlich kalte Luft weit nach Süden vorstossen.

Der Kalender sagt Sommer. Die Atmosphäre kann regional trotzdem für einen Tag Winter spielen.

Südamerika: Schnee mitten im Januar

Bei Südamerika muss unser europäisches Gefühl für die Jahreszeiten umgedreht werden. Januar bedeutet dort Sommer. Und genau deshalb ist ein Ereignis aus dem Jahr 2021 so interessant.

Ende Januar 2021 traf ein für die Jahreszeit ungewöhnlicher atmosphärischer Fluss auf Zentralchile und die subtropischen Anden von Chile und Argentinien. Atmosphärische Flüsse sind relativ schmale, langgestreckte Zonen, in denen grosse Mengen Wasserdampf transportiert werden.

Trifft eine solche Feuchtezufuhr auf die Anden, wird die Luft zum Aufsteigen gezwungen. Sie kühlt dabei ab, Wasserdampf kondensiert und es kann zu sehr intensiven Niederschlägen kommen.

Zwischen dem 28. und 31. Januar 2021 brachte dieses System in tieferen Lagen heftigen Regen, Überschwemmungen und Erdrutsche. In den Hochlagen fiel dagegen aussergewöhnlich viel neuer Schnee mitten im australischen Sommer.

Eine wissenschaftliche Untersuchung des Ereignisses konzentrierte sich unter anderem auf Gletscher im Einzugsgebiet des Río Maipo nahe Santiago de Chile. Gerade dort wird deutlich, wie stark sich Niederschlag auf kurzer Distanz verändern kann: unten Regen, weit oben Schnee – ausgelöst vom selben Wettersystem.

Dass im Januar in den höchsten Anden Schnee liegt, ist an sich noch kein Beweis für Sommerschneefall. In solchen Höhen kann Altschnee lange überdauern. Das Ereignis 2021 war deshalb besonders interessant, weil tatsächlich neuer Schnee während der normalerweise trockenen Sommersaison hinzukam.

Australien: Auch dort kann es mitten im Sommer schneien

Noch ein Kontinent liefert erstaunliche Bilder. Das australische Bureau of Meteorology weist ausdrücklich darauf hin, dass in den alpinen Regionen Australiens zu jeder Jahreszeit Schnee fallen kann.

Am 3. Februar 2023 – also mitten im australischen Hochsommer – wurden Teile der Alpen in Victoria und New South Wales von einem ungewöhnlich kalten Wettersturz erfasst. Unter anderem am Mount Hotham lag am Morgen eine frische Schneeschicht.

Während weiter nördlich in Queensland gleichzeitig Hitze herrschte, sah es in den australischen Bergen kurzzeitig winterlich aus. Das Muster erinnert an Kanada: Ein grosser Kontinent kann zur selben Zeit völlig gegensätzliche Wetterwelten erleben.

Und Afrika? Schnee gibt es sogar nahe am Äquator

Afrika passt auf den ersten Blick kaum in eine Geschichte über Schnee. Tatsächlich gibt es aber auch dort dauerhaft kalte Hochgebirgsregionen.

Das bekannteste Beispiel ist der Kilimandscharo in Tansania. Mit 5895 Metern erreicht sein Gipfel Höhen, in denen völlig andere Bedingungen herrschen als in den tropischen Landschaften am Fuss des Berges.

Auch am Mount Kenya sowie in den Rwenzori Mountains existieren beziehungsweise existierten tropische Gletscher. NASA-Aufnahmen zeigen in den höchsten Regionen der Rwenzori Mountains eine Kombination aus Gletschereis und Schnee.

Der Begriff «Sommerschnee» ist in Äquatornähe allerdings nur bedingt sinnvoll. Dort gibt es nicht denselben ausgeprägten Wechsel zwischen Sommer und Winter wie in Mitteleuropa.

Auch in Lesotho und den hohen Gebieten Südafrikas fällt Schnee. Ein Schneefall dort im Juli ist allerdings kein Sommerschnee: Auf der Südhalbkugel herrscht dann Winter.

Das ist bei weltweiten Vergleichen entscheidend. Juli ist in der Schweiz Sommer und in Südafrika Winter. Januar ist in Kanada Winter und in Chile Sommer.

Warum kann Schnee im Sommer überhaupt fallen?

Schnee entsteht nicht am Boden. Die Flocken bilden sich in kalten Bereichen einer Wolke. Ob sie den Boden tatsächlich als Schnee erreichen, hängt davon ab, durch welche Luftschichten sie auf ihrem Weg nach unten fallen.

Gelangen sehr kalte Luftmassen in eine Region, sinkt das Temperaturniveau in der gesamten Atmosphäre. Im Gebirge hilft zusätzlich die Höhe: Mit zunehmender Höhe wird die Luft im Allgemeinen kälter.

Deshalb kann im Tal Regen fallen, während einige hundert Höhenmeter weiter oben bereits Schnee fällt.

Eine wichtige Rolle spielt aber auch der Niederschlag selbst. Fallen Schneeflocken in wärmere Luft und beginnen zu schmelzen, benötigt dieser Schmelzvorgang Energie. Die Umgebungsluft wird dabei abgekühlt. Ist die Luft relativ trocken, kommt Verdunstungskälte hinzu.

Bei kräftigem Niederschlag kann sich eine Luftschicht dadurch so stark abkühlen, dass die Schneefallgrenze deutlich tiefer sinkt als zunächst erwartet.

Nullgradgrenze und Schneefallgrenze sind nicht dasselbe

Genau hier entsteht häufig ein Missverständnis.

Die Nullgradgrenze bezeichnet jene Höhe in der freien Atmosphäre, auf der ungefähr 0 Grad herrschen. Die Schneefallgrenze liegt normalerweise tiefer. Schneeflocken verschwinden nicht sofort, sobald sie in eine Luftschicht mit leicht positiven Temperaturen fallen.

MeteoSchweiz definiert die Schneefallgrenze als jene Höhe, auf der der Niederschlag ungefähr zur Hälfte aus Regen und zur Hälfte aus Schnee besteht.

Zwischen Nullgradgrenze und Schneefallgrenze können mehrere hundert Höhenmeter liegen. Bei starkem Niederschlag und günstigen Bedingungen kann der Unterschied zeitweise noch grösser werden.

Im Alpenraum kommen lokale Effekte hinzu. Ein enges Tal, eingelagerte Kaltluft, Windrichtung und Niederschlagsintensität können dafür sorgen, dass zwei Orte auf ähnlicher Höhe während derselben Wetterlage völlig unterschiedliche Verhältnisse erleben.

Der entscheidende Unterschied: Schnee auf 2500 Metern oder Schnee im Tal

Darum lohnt es sich, bei Meldungen über «Schnee im Sommer» genauer hinzuschauen.

Ein paar Zentimeter Neuschnee auf einem 2500 oder 3000 Meter hohen Alpenpass sind eindrücklich und können für Reisende relevant sein. Meteorologisch sind sie aber nicht mit einem Schneefall bis auf 500 oder 800 Meter vergleichbar.

Der Flüelapass im August 2023 gehört zur ersten Kategorie: ein kräftiger sommerlicher Kälterückfall im Hochgebirge.

Weggis im Juni 1816 gehört zur zweiten. Schnee auf ungefähr 500 Metern während des meteorologischen Sommers ist ein Extremereignis.

Genau diese Höhenfrage entscheidet darüber, ob ein Sommerschneefall lediglich ungewöhnlich aussieht oder tatsächlich aussergewöhnlich ist.

Warum bei solchen Wetterlagen ein einzelnes Symbol nicht reicht

Bei raschen Kaltlufteinbrüchen kann sich innerhalb weniger Stunden enorm viel verändern. Eine Tageshöchsttemperatur oder ein einzelnes Regen- beziehungsweise Schneesymbol zeigt diesen Ablauf kaum.

Für einen Ort wie Braunwald ist beispielsweise entscheidend, zu welchem Zeitpunkt die kalte Luft eintrifft, wann der stärkste Niederschlag fällt und wie sich Temperatur und Schneefallgrenze genau während dieser Stunden entwickeln.

Dasselbe gilt auf einer Passfahrt oder Bergtour. Am Vormittag kann die Strasse trocken sein. Am Nachmittag setzt Niederschlag ein. Am Abend liegt die Temperatur nur noch knapp über dem Gefrierpunkt. Aus Regen wird nasser Schnee – und plötzlich sieht dieselbe Landschaft völlig anders aus.

Mit Alpha Weather das Wetter genau am Ort verfolgen

Genau für solche Situationen ist das Live-Ort-Wetter von Alpha Weather gedacht. Statt nur eine grossräumige Prognose für eine ganze Region zu betrachten, lässt sich die Wetterentwicklung direkt für den gewünschten Standort verfolgen.

Städte, Dörfer, Berge, Seen, Alpenpässe und viele weitere Orte weltweit können im Live-Ort-Wetter aufgerufen werden. Gerade im Gebirge ist diese Ortsnähe entscheidend, weil wenige Kilometer Distanz oder einige hundert Höhenmeter einen grossen Unterschied ausmachen können.

Wer am Morgen über einen Pass fahren will, am Nachmittag eine Wanderung plant oder wissen möchte, ob ein angekündigter Kaltlufteinbruch am eigenen Ort tatsächlich Schnee bringen könnte, braucht deshalb vor allem eine Antwort auf drei Fragen: Was passiert? Wann passiert es? Und was bedeutet es genau für meinen Standort?

Genau dort wird aus einer allgemeinen Wetterprognose eine Information, mit der sich tatsächlich etwas anfangen lässt.

Sommer bedeutet nicht automatisch schneefrei

Schnee im Sommer bleibt selten. Unmöglich ist er nicht.

Auf hohen Alpenpässen kann er bei kräftigen Kaltlufteinbrüchen immer wieder einmal auftreten. Schottland erlebte 1975 einen bemerkenswerten Junischneefall. In Kanada fielen 2024 kurz vor der Sommersonnenwende lokal rund 30 Zentimeter. In den Anden brachte ein atmosphärischer Fluss mitten im Januar neuen Schnee, und selbst Australien kennt Schneefälle während des Hochsommers.

Die spektakulärsten Ereignisse bleiben jedoch jene, bei denen die Schneefallgrenze weit unter die hohen Berge sinkt. Der 6. Juni 1816 mit Schnee bis nach Weggis auf rund 500 Meter gehört deshalb bis heute zu den eindrücklichsten Beispielen.

Der Kalender kann Schnee unwahrscheinlich machen. Verhindern kann er ihn nicht.

Quellen