Bis 150 cm Schnee im Oktober: Wenn Europas Alpen schon vor November im Tiefschnee versinken
Oktober ist in Europa noch Herbst – zumindest im Kalender. In den Hochlagen der Alpen kann die Lage aber innerhalb weniger Stunden vollständig kippen. Historische Messungen zeigen, dass bereits vor November Schneemengen möglich sind, die selbst mitten im Winter aussergewöhnlich wären.
Die Frage nach dem stärksten Oktober-Schneefall Europas lässt sich allerdings nicht mit einer einzigen offiziellen Rekordzahl beantworten. Europa besitzt kein gemeinsames Schneemessnetz mit identischen Messmethoden über alle Länder, Höhenlagen und Zeiträume. Zudem unterscheiden Fachstellen zwischen 24-Stunden-Neuschnee, Ereignissummen und der Schneehöhe am Boden.
Was sich sehr wohl belastbar zeigen lässt: In den europäischen Alpen sind im Oktober 100 bis 150 Zentimeter Neuschnee innerhalb weniger Tage amtlich dokumentiert. Einzelne Tagesmessungen erreichten dabei fast einen Meter.
2004: Bis zu 150 Zentimeter im nördlichen Tessin und Rheinwald
Eines der stärksten offiziell dokumentierten Oktober-Ereignisse der Schweizer Alpen datiert auf Ende Oktober 2004. Bis zum Morgen des 27. Oktober fielen laut WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF oberhalb von etwa 3000 Metern im nördlichen Tessin und im Rheinwald 100 bis 150 Zentimeter Neuschnee.
Am übrigen westlichen und zentralen Alpenhauptkamm kamen 40 bis 80 Zentimeter zusammen. Nach einer kurzen Niederschlagspause folgten bis zum Monatsende am Alpensüdhang und am angrenzenden Alpenhauptkamm nochmals 30 bis 70 Zentimeter oberhalb von rund 2500 Metern.
Die Zahlen zeigen, wie schnell sich im Oktober im Hochgebirge eine mächtige Schneedecke aufbauen kann, wenn feuchte Luftmassen über mehrere Tage gegen die Alpen geführt werden.
2008: Fast ein Meter Neuschnee an einem Tag auf der Göscheneralp
Noch eindrücklicher war die Intensität Ende Oktober 2008. Das SLF beschrieb den Wintereinbruch als ausserordentlich – nicht nur im Hochgebirge, sondern bis weit in tiefere Lagen.
Am 30. Oktober 2008 wurden im Gwüest auf der Göscheneralp im Kanton Uri beinahe 100 Zentimeter Neuschnee gemessen. In Stoos waren es 56 Zentimeter, in Gadmen 53 Zentimeter. Mehrere Stationen in der Zentralschweiz und im Wallis registrierten Rekord-Neuschneehöhen für Ende Oktober.
Selbst Zürich erhielt an diesem Tag rund 20 Zentimeter Neuschnee. Damit wurde aus einem alpinen Starkschneefall ein Wintereinbruch, der bis ins Mittelland spürbar war.
2018: 72 Zentimeter in 24 Stunden – Oktoberrekord in Arosa
Ein weiterer aussergewöhnlicher Wert stammt aus Arosa. Vom 27. auf den 28. Oktober 2018 fielen in Graubünden oberhalb von rund 1200 Metern verbreitet 40 bis 70 Zentimeter Neuschnee.
In Arosa auf 1878 Metern registrierte MeteoSchweiz innerhalb eines Tages 72 Zentimeter Neuschnee. Das war ein neuer Oktoberrekord für die Station. Die Aroser Neuschnee-Messreihe reicht bis 1890 zurück. Der bisherige Oktoberhöchstwert lag bei 68 Zentimetern aus dem Jahr 1972.
Gerade dieser Wert ist meteorologisch besonders aussagekräftig, weil er nicht aus einer extremen Gipfellage über 3000 Metern stammt, sondern aus einer bewohnten Höhenlage mit langer Messreihe.
2013: 80 bis 120 Zentimeter bereits Mitte Oktober
Auch ein früher Termin schützt nicht vor massivem Winterwetter. Im Oktober 2013 lag das Niederschlagszentrum am zentralen Alpensüdhang, im Rheinwald und im Avers. Dort fielen laut SLF 80 bis 120 Zentimeter Schnee.
Zwischen dem 11. und 15. Oktober wurden an zahlreichen Messstationen neue Schneehöhenmaxima für diese Kalendertage registriert. Das Ereignis zeigt, dass selbst die erste Oktoberhälfte in den Alpen bereits grosse Neuschneemengen bringen kann.
2022: Rund 1,5 Meter in fünf Tagen im Berninagebiet
Auch in einem ausgesprochen milden Herbst kann das Hochgebirge enorme Schneemengen sammeln. Im Oktober 2022 sorgten zwei intensive Südstaulagen im Berninagebiet für aussergewöhnliche Mengen.
Vom 20. bis 22. Oktober fielen im Bergell sowie im Corvatsch- und Berninagebiet oberhalb von 3500 Metern zunächst 60 bis 90 Zentimeter. Zwischen dem 23. und 25. Oktober folgten im Raum Corvatsch/Bernina nochmals 70 bis 100 Zentimeter.
Das SLF fasste die beiden Episoden mit einer bemerkenswerten Zahl zusammen: Im Berninagebiet fielen innerhalb von fünf Tagen insgesamt rund 1,5 Meter Neuschnee. Die Schneefallgrenze lag dabei allerdings sehr hoch, zeitweise um 3000 Meter.
Österreich: 80 Zentimeter am Sonnblick
Auch die österreichischen Alpen liefern starke Oktoberbeispiele. Zwischen dem 24. und 26. Oktober 2010 kamen laut damaliger ZAMG auf der Rudolfshütte 60 Zentimeter und am Sonnblick 80 Zentimeter Neuschnee zusammen.
Gleichzeitig sank die Schneefallgrenze weit ab. In Dellach im Drautal auf 628 Metern erreichte die Neuschneedecke innerhalb eines Tages 19 Zentimeter. Die ZAMG ordnete derart intensive Oktober-Schneefälle in Oberkärnten als ein Ereignis ein, das ungefähr alle 15 Jahre vorkommt.
Frankreich: 71 Zentimeter Schneehöhe auf Bellecôte Mitte Oktober
Auch die französischen Alpen können früh tief winterlich werden. Mitte Oktober 2020 meldete Météo-France in den Nordalpen eine für die Jahreszeit ungewöhnlich weit fortgeschrittene Schneedecke.
An der Station Bellecôte auf 3000 Metern wurden am 15. Oktober 71 Zentimeter Schneehöhe gemessen. In Höhenlagen um 2400 bis 2700 Meter lagen je nach Massiv 10 bis 40 Zentimeter, oberhalb von etwa 3000 Metern häufig 30 bis 70 Zentimeter.
Dabei ist wichtig: Die 71 Zentimeter von Bellecôte sind eine Schneehöhe am Boden und keine 24-Stunden-Neuschneesumme. Genau solche Unterschiede machen einen seriösen gesamteuropäischen Rekordvergleich schwierig.
Was ist also der stärkste Oktober-Schneefall Europas?
Eine einzelne, wissenschaftlich sauber abgesicherte Europa-Rekordzahl lässt sich aus den nationalen Messnetzen nicht ableiten. Dafür sind Messhöhe, Zeitraum und Definitionen zu unterschiedlich.
Unter den amtlich dokumentierten Beispielen aus den europäischen Alpen stechen jedoch mehrere Werte heraus: 100 bis 150 Zentimeter oberhalb von 3000 Metern Ende Oktober 2004, rund 1,5 Meter innerhalb von fünf Tagen im Berninagebiet 2022 und besonders eindrücklich nahezu ein Meter Neuschnee an einem einzigen Tag auf der Göscheneralp 2008.
Für bewohnte Alpenlagen mit langer Messreihe ist zudem der Aroser Oktoberrekord von 72 Zentimetern in 24 Stunden ein aussergewöhnlich aussagekräftiger Wert.
Warum der Oktober solche Schneemassen produzieren kann
Im Herbst stehen dem Wetter zwei sehr unterschiedliche Zutaten zur Verfügung. Das Mittelmeer und der Atlantik liefern noch vergleichsweise milde und feuchte Luft. Gleichzeitig können aus Norden bereits deutlich kältere Luftmassen nach Mitteleuropa vorstossen.
Trifft viel Feuchtigkeit auf genügend kalte Luft und wird die Strömung zusätzlich an den Alpen gestaut, können die Niederschläge über Stunden oder Tage nahezu am gleichen Ort anhalten. Sinkt währenddessen die Schneefallgrenze, verwandeln sich enorme Wassermengen in immer neue Schneeschichten.
Entscheidend ist deshalb nicht nur die Niederschlagsmenge, sondern auch die Höhe der Schneefallgrenze. 150 Zentimeter oberhalb von 3500 Metern haben andere Auswirkungen als ein Meter Neuschnee um 1600 Meter oder 70 Zentimeter in einem bewohnten Wintersportort.
Ein früher Schneesturm sagt noch nichts über den ganzen Winter
So spektakulär die historischen Oktoberereignisse sind: Sie erlauben keine seriöse Prognose für Dezember, Januar oder Februar. Ein früher Meter Schnee kann bei anschliessend milder Witterung wieder stark zusammenschmelzen. Umgekehrt kann ein unspektakulärer Oktober einem sehr schneereichen Winter vorausgehen.
Die historischen Daten zeigen aber eindeutig, welches Potenzial bereits im Oktober vorhanden ist. Wenn Feuchtigkeit, Kaltluft und Alpenstau zusammenpassen, kann Europas Hochgebirge schon Wochen vor dem meteorologischen Winter in Schneemengen versinken, die sonst eher mit dem Hochwinter verbunden werden.
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