Wenn Bergseen unter dem Schnee verschwinden: Warum Schnee, Eis und Bergseen für unsere Berge so wichtig sind
Im Sommer leuchten sie türkis, tiefblau oder fast schwarz zwischen Felswänden und Gipfeln. Im Winter verschwinden manche Bergseen vollständig unter Schnee und Eis. Doch genau dieser Schnee ist weit mehr als eine schöne Winterkulisse. Er ist Teil eines natürlichen Wasserspeichers, der Berge, Bäche, Quellen, Seen und Täler über Monate miteinander verbindet.

Ein Bergsee im Hochsommer ist leicht zu erkennen. Wasser, Fels, vielleicht noch ein Schneefeld darüber und dahinter die Gipfel. Im Winter kann derselbe Ort vollkommen anders aussehen.
Dann verschwindet der See.
Nicht wirklich natürlich. Aber optisch. Eis legt sich über die Wasserfläche, darauf fällt Schnee, Wind verfrachtet weiteren Schnee in Mulden und Senken. Irgendwann ist kaum noch zu erkennen, wo das Ufer endet und wo der See beginnt. Aus offenem Wasser wird für einige Monate eine weisse Hochgebirgslandschaft.
Im Frühling beginnt der umgekehrte Weg. Die Schneedecke setzt sich, erste dunkle Stellen öffnen sich am Ufer, Wasser läuft aus den Hängen und irgendwann erscheint wieder die offene Wasserfläche.
Dieser Wechsel ist weit mehr als ein schönes Naturschauspiel. Er erzählt eine Geschichte über Wasser – und darüber, weshalb Schnee für die Alpen und andere Gebirge so wichtig ist.
Schnee ist Wasser auf Zeit
Wer einen Bergsee verstehen will, darf nicht nur auf seine Wasserfläche schauen. Entscheidend ist das gesamte Einzugsgebiet: Felswände, Hänge, Kare, Böden, Schneefelder, Quellen, Bäche und in hohen Lagen teilweise auch Firn und Gletschereis.
Der Schnee spielt darin eine Schlüsselrolle. Niederschlag, der im Winter als Schnee liegen bleibt, fliesst nicht sofort talwärts. Wasser wird zunächst zurückgehalten. Erst mit steigenden Temperaturen und stärkerer Sonneneinstrahlung beginnt sich die Schneedecke zu verändern und gibt dieses Wasser wieder frei.
Es gelangt über kleine Rinnen und Bäche, durch Böden und Gestein oder über Quellen weiter in Seen und Flüsse. Was im Januar als Schnee auf einem Berghang liegt, kann deshalb erst Wochen oder Monate später weiter unten als Wasser auftauchen.
Deshalb ist nicht allein entscheidend, wie viel Niederschlag fällt. Genauso wichtig ist, ob er als Regen oder Schnee fällt, auf welcher Höhe er liegen bleibt und wann das darin gespeicherte Wasser wieder freigesetzt wird.
Bei einer langsamen Schneeschmelze gelangt Wasser über einen längeren Zeitraum ins System. Bäche führen Schmelzwasser, Quellen reagieren, Böden werden gespeist und Bergseen erhalten Zufluss. Je nach Region profitieren davon natürliche Lebensräume, Landwirtschaft, Wasserversorgung und Wasserkraft.
Ein schneearmer Winter ist deshalb nicht nur für Skigebiete von Bedeutung. Fehlt im Hochgebirge ein Teil des winterlichen Schneespeichers, kann später auch ein Teil des zeitlich verzögert verfügbaren Wassers fehlen.
Der Griesslisee am Klausenpass zeigt den Kreislauf besonders deutlich
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der Griesslisee am Klausenpass. Der kleine Hochgebirgssee liegt auf rund 2000 Metern in einer kargen, von Fels, Schutt, Schnee und Eis geprägten Landschaft.
Die SchneeToni-Aufnahmen vom 10. August 2025 zeigen milchig-türkises Wasser direkt unter mächtigen Felswänden. Oberhalb des Sees liegen noch Schneefelder und Eisreste. Gleichzeitig sind grosse Bereiche bereits ausgeapert. Genau dieser Gegensatz macht sichtbar, wie dynamisch ein Hochgebirgssystem im Sommer ist.

Gerade während längerer Hitze- und Trockenphasen wird verständlich, weshalb Schnee, Firn, Eis, Böden, Quellen und Bergseen zusammen betrachtet werden müssen. Wasser, das über längere Zeit im Hochgebirge gespeichert wird, fliesst nicht vollständig bereits im Winter oder Frühling ins Tal ab.
Ein einzelner kleiner See kann eine Trockenheit natürlich nicht verhindern und auch keinen zurückgehenden Gletscher ersetzen. Entscheidend ist das gesamte System. Je länger Wasser in Schnee, Firn, Eis, Böden und natürlichen Speichern zurückgehalten wird, desto länger bleibt es Bestandteil des alpinen Wasserkreislaufs.
Gerade in heissen Sommern wird dieser Zusammenhang sichtbar: Während tiefer gelegene Böden bereits stark austrocknen können, entsteht in hohen Lagen weiterhin Schmelzwasser. Der Griesslisee zeigt diesen Übergang auf kleinstem Raum – vom verbliebenen Schnee über Eis und Schutt bis zum offenen Wasser.

Wo Bergseen im Winter beinahe aus der Landschaft verschwinden
Besonders eindrücklich zeigt sich dieser Wechsel am Oeschinensee bei Kandersteg. Im Sommer kennt man sein kräftiges Blau vor den steilen Felswänden des Blüemlisalpmassivs. Im Winter kann sich das Bild vollständig verändern. Eis bildet sich auf der Wasserfläche, darüber sammelt sich Schnee und irgendwann lässt sich optisch kaum noch erkennen, wo der See endet und die Winterlandschaft beginnt.
Eine geschlossene weisse Fläche bedeutet allerdings niemals automatisch, dass ein See gefahrlos betreten werden kann. Zuflüsse, Strömungen, Wassertemperatur, Schneelast und der Temperaturverlauf beeinflussen die Eisdecke. Bei zugefrorenen Seen sind deshalb immer die örtlichen Freigaben und Sicherheitshinweise entscheidend.
Auch der Seealpsee im Alpstein zeigt, dass nicht allein die Höhe darüber entscheidet, wie winterlich ein Bergsee wird. Topografie, Schatten, Niederschlagsrichtung, Wind und die umliegenden Steilhänge spielen eine grosse Rolle. Bei geeigneten Wetterlagen erhält der Alpstein viel Schnee, und aus der grünen Sommerlandschaft wird eine völlig andere Bergwelt.
Noch höher liegt der Bachalpsee oberhalb von Grindelwald. Man kennt ihn vor allem von sommerlichen Bildern und den Spiegelungen der Berner Alpen. Doch während unten im Tal längst Frühling herrschen kann, bleiben Mulden, schattige Hänge und Seeufer in dieser Höhe noch deutlich länger weiss.
Ähnlich ist es beim Riffelsee oberhalb von Zermatt. Die berühmte Matterhorn-Kulisse lenkt im Sommer fast die ganze Aufmerksamkeit auf die Wasserfläche. Im Winter und Frühling ist jedoch der Schnee das prägende Element. Wenige hundert Höhenmeter können in den Alpen bereits über Frühling oder Winter entscheiden.
Noch deutlicher wird das am Lago Bianco am Berninapass. Dort befindet man sich mitten in einer hochalpinen Landschaft, in der Schnee früh auftreten und lange erhalten bleiben kann. Während tiefer gelegene Regionen bereits mild und grün sind, kann auf Passhöhe noch eine ausgeprägte Schneelandschaft bestehen.
Auch der Daubensee auf der Gemmi kann im Winter optisch beinahe Teil der weissen Hochfläche werden. Gleichzeitig zeigt seine offene Lage, wie stark Wind eine Schneedecke verändert. An einer Stelle wird Schnee weggeblasen, wenige Meter weiter sammelt er sich in tiefen Verwehungen.
Auch kleine Bergseen sind wichtig
Ein Bergsee muss nicht riesig sein, um für seine Umgebung Bedeutung zu haben. Der Trübsee oberhalb von Engelberg ist ein gutes Beispiel dafür. Kleinere Seen sind oft sehr direkt mit ihrem unmittelbaren Einzugsgebiet verbunden und reagieren entsprechend auf Schnee, Schmelzwasser, Niederschlag und Temperatur.
Dasselbe gilt für den Melchsee auf Melchsee-Frutt. Gerade kleinere Mulden und Seen zeigen, wie unterschiedlich Schnee auf engstem Raum erhalten bleiben kann. Ein schattiger Hang kann noch weiss sein, während eine wenige hundert Meter entfernte sonnenexponierte Fläche längst ausgeapert ist.
Ganz anders dimensioniert ist der Silsersee im Oberengadin. Hier verändern Schnee und Eis im Winter nicht nur einen kleinen Bergkessel, sondern den Charakter eines ganzen Hochtals. Der See wird Teil einer grossen Winterlandschaft, bevor sich mit zunehmender Wärme wieder die offene Wasserfläche zeigt.
Wann ein See zufriert, wie lange Eis und Schnee bestehen bleiben und wann sich die Wasserfläche wieder öffnet, hängt unmittelbar vom Verlauf des Wetters ab. Genau deshalb sind Bergseen auch stille Beobachter der Jahreszeiten.
Von den Dolomiten bis in den Himalaya
Das Schauspiel beschränkt sich nicht auf die Schweiz. Der Lago di Braies in den Dolomiten gehört zu den bekanntesten Bergseen Europas. Im Sommer dominiert das türkisfarbene Wasser, im Winter übernehmen Schnee, Eis und die mächtigen Dolomitenwände die Landschaft.
Weiter östlich liegt Morskie Oko in der Hohen Tatra in einem ausgeprägten Gebirgskessel. Gerade solche Geländeformen zeigen, weshalb Schneehöhe nie wie eine gleichmässige Decke verstanden werden darf. Wind verfrachtet Schnee, Schatten verlangsamt seine Schmelze und steile Hänge bestimmen mit, wo sich Schnee sammelt.
Auf der anderen Seite des Atlantiks gehört Lake Louise in den kanadischen Rocky Mountains zu den berühmtesten Bergseen der Welt. Auch dort kann der Winter in höheren Lagen lange nachwirken. Während in tieferen Regionen bereits Frühling herrscht, tragen Hochlagen und schattige Bereiche weiterhin Schnee.
Beim Crater Lake in Oregon zeigt sich wiederum, welche Schneemengen entstehen können, wenn feuchte Luftmassen, Gebirge und ausreichend kalte Luft zusammentreffen. Das Grundprinzip ist weltweit ähnlich: Topografie, Höhe, Temperatur und Luftmassen entscheiden darüber, ob Niederschlag als Regen oder Schnee fällt und wie lange dieser Schnee erhalten bleibt.
Besonders eindrücklich ist auch Mikurigaike in der japanischen Tateyama-Region. Die Region ist für enorme Schneemengen bekannt. Während der langen Schneesaison kann der kleine Bergsee optisch praktisch vollständig verschwinden. Erst mit fortschreitender Schneeschmelze kommt das Wasser wieder zum Vorschein.
Noch extremer wird die Höhenlage bei den Gokyo-Seen in Nepal. Dort treffen enorme Höhe, Kälte, Schnee, Eis und intensive Sonneneinstrahlung aufeinander.
Ähnliches gilt für den Tilicho Lake in Nepal. Die Dimensionen sind andere als in den Alpen – die Verbindung zwischen Wetter, Schnee und Wasser bleibt jedoch bestehen.
Warum Schnee im Winter auch für den Sommer zählt
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt überhaupt: Schnee ist nicht nur ein Winterthema.
Seine hydrologische Bedeutung reicht weit in den Frühling und Sommer hinein. Wasser, das im Januar als Schnee auf einem Berghang liegt, kann Monate später einen Bach speisen. Ein Teil gelangt in Seen, ein Teil versickert im Untergrund, ein Teil erreicht Quellen und ein anderer Teil fliesst weiter in die Täler.
Fällt derselbe Winterniederschlag dagegen als Regen, kann ein deutlich grösserer Anteil früher abfliessen. Bleibt er als Schnee liegen, entsteht ein natürlicher saisonaler Zwischenspeicher.
Deshalb ist die Frage, wie viel Schnee in den Bergen liegt, auf welcher Höhe er liegt und wann er schmilzt, sehr viel grösser als die Frage nach guten Skipisten.
Es geht um Wasser.
Gleichzeitig ist viel Schnee nicht automatisch harmlos. Eine rasche Erwärmung kann die Schneeschmelze beschleunigen. Fällt zusätzlich Regen auf eine bestehende Schneedecke, können grosse Wassermengen innerhalb kurzer Zeit freigesetzt werden. Bäche reagieren, Böden und Hänge werden nasser und auch die Lawinensituation kann sich verändern.
Der natürliche Speicher funktioniert also nicht wie ein Wasserhahn. Er reagiert auf Temperatur, Niederschlag, Wind und Sonneneinstrahlung.
Ein Bergsee ist viel mehr als schönes Wasser
Wir fotografieren Bergseen meistens im Sommer. Dann sind sie am einfachsten zu verstehen: Wasser, Berge, Himmel.
Ihre eigentliche Geschichte beginnt aber lange vorher.
Sie beginnt mit dem ersten Schnee im Herbst. Mit jeder Front, die neuen Schnee bringt. Mit Verwehungen in Mulden. Mit Eis auf der Wasserfläche. Mit einer Schneedecke, die wächst und Wasser über Wochen und Monate im Gebirge zurückhält.
Irgendwann sieht man den See nicht mehr.
Wo im August offenes Wasser liegt, kann im Februar nur noch eine weisse Fläche zu sehen sein. Darunter bleibt der See.
Dann werden die Tage länger. Die Sonne steigt höher. Die Schneedecke setzt sich. Wasser beginnt zu fliessen. Erste dunkle Stellen öffnen sich am Ufer.
Und irgendwann ist er wieder da.
Der Bergsee.
Was wie eine Wiedergeburt der Landschaft aussieht, ist einer der ältesten Kreisläufe unserer Berge: Schnee wird Wasser. Wasser speist Seen, Quellen und Bäche. Und Monate später beginnt oben wieder alles von vorne.
Genau deshalb brauchen unsere Berge ihren Schnee – und genau deshalb sind Bergseen weit mehr als schöne Postkartenmotive.
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